Foto: Margrit Schmidt

Krieg gegen die Dörfer. „Bandenkampf“ in Polen

Veranstaltungsbericht

Foto: Margrit Schmidt

Am 5. März begann in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand vor einem großen Publikum unsere Vortragsreihe Verbrannte Dörfer im Osten Europas. Gleich zu Beginn machte der Leiter der Gedenkstätte Prof. Dr. Johannes Tuchel auf ein zentrales Problem aufmerksam: Die Vorgänge nach dem deutschen Überfall auf Polen stellen ein bisher zu wenig beachtetes Thema in der Erinnerung an den Nationalsozialismus dar. Mit diesem und den nachfolgenden Vorträgen wollen KONTAKTE-KOHTAKTbI e. V. und die Initiative Gedenkort einen Beitrag dazu leisten, dass die deutschen Verbrechen an der polnischen und sowjetischen Zivilbevölkerung mehr Beachtung im kollektiven Gedächtnis erhalten.

Anhand von zwei verlesenen Berichten Überlebender wurden Unterschiede und gleichzeitige Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Verbrechen und den jeweiligen Erfahrungen der Opfer sehr deutlich. Zwischen den Verbrechen deutscher Einheiten während des Überfalls auf Polen und denen im Zuge der Großoperationen des mörderischen Partisanenkrieges in Belarus liegen hunderte Kilometer und Jahre der Besatzung. Dennoch zeigen sich viele Gemeinsamkeiten: die pauschale Unterstellung der Widerständigkeit, die entgrenzte Gewalt gegenüber den willkürlich ausgewählten Opfern, die umfassende Zerstörung durch Brandschatzung. Da das Leid der Opfer immer individuell und einzigartig bleibt, werden ihre Berichte auch Teil der kommenden Veranstaltungen sein.

Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt begann seinen Vortrag mit der Feststellung, dass die Gewalt gegen die polnische Zivilbevölkerung direkt mit dem deutschen Überfall am 1. September 1939 einsetzte, etwa mit der gezielten Ermordung von Angehörigen der Intelligenz und der katholischen Kirche oder durch Massaker an der Zivilbevölkerung wie in der Stadt Tschenstochau bereits am 4. September. Durch die Aufstellung der Einheit von Henryk Dobrzański, alias „Hubal“ organisierte sich auch gleich nach der Kapitulation der polnische Widerstand. Lehnstaedt betonte den Umstand, dass eine Definition seitens der deutschen Besatzer davon, was „Widerstand“ genau bedeute, bewusst unterblieb. So bekamen die Besatzer einen großen Handlungsspielraum, dessen Ausnutzung schreckliche Folgen hatte: In Dörfern wie Skłoby wurde die gesamte männliche Bevölkerung zwischen 14 und 60 Jahren ermordet.

Bezogen auf die Reaktionen der Deutschen auf den erstarkenden Widerstand ab Frühsommer 1942 stellte Lehnstaedt ein ähnliches Vorgehen wie in Belarus fest: das Absperren von vermeintlichen Partisanengebieten, das konzentrische Vorgehen der Besatzer, die Ermordung eines Großteils der vorgefundenen Bevölkerung und die Niederbrennung ihrer Gehöfte und Dörfer. Deutliche Unterschiede erkannte er aber hinsichtlich des sogenannten „Volkstumskampfes“ der Nationalsozialisten. So sollte bei der „Aktion Zamość“ im Distrikt Lublin zusätzlich zur Vertreibung der polnischen Bevölkerung auch die Ansiedlung von Deutschen erfolgen. Lehnstaedt betonte die Dysfunktionalität des sogenannten „Bandenkampfes“ dessen Brutalität an Stelle eines Rückgangs zu einem Anwachsen des Widerstandes führte. Das Ergebnis dieser Gewalt in Polen waren mindestens 769 zerstörte Dörfer und Weiler. 35.000 bis 40.000 Menschen wurden ermordet.

Während des Warschauer Aufstandes 1944, den Lehnstaedt als den stärksten Widerstand gegen deutsche Truppen jenseits regulärer Armeen kennzeichnete, übertrugen die deutschen Besatzer dann ihr Vorgehen bei der Widerstandsbekämpfung im ländlichen Raum auf die Großstadt. Die Folgen waren 150.000 zivile Todesopfer und 15.000 gefallene Angehörige der Heimatarmee. 160.000 Menschen wurden zur Zwangsarbeit und in Konzentrationslager deportiert.

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In der nationalen polnischen Erinnerung steht laut Lehnstaedt der Warschauer Aufstand heute im Zentrum. Die Ereignisse auf dem Land und sogar der Holocaust treten so in den Hintergrund. Die Erinnerung an den „Krieg gegen die Dörfer“ findet hingegen auf einer lokalen Ebene statt, da er im Gedächtnis der einzelnen Familien fest verankert ist. Bezogen auf den Holocaust konstatiert Lehnstaedt eine völlig andere Situation: Von den 150 Überlebenden aus der Region Zamość beispielsweise hat nur ein Einzelner seine alte Heimat nicht verlassen. Vor diesem Hintergrund kontrastierte Lehnstaedt die emotionale, lebendige, lokale Erinnerung mit dem abstrakten Wissen um den Holocaust und schloss mit der Frage: „Wie viel eigenes Leid und Leid anderer können unser Gedächtnis verändern?“

Die anschließende Diskussion zeugte von dem großen Interesse an den historischen Vorgängen selbst wie auch an deren Nachwirkungen und der Erinnerung daran. So kamen die verhältnismäßig gute Quellenlage, die Frage nach möglichen kolonialen Bezügen, die Gewaltdynamiken nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes und die Karrieren der Täter nach dem Krieg zur Sprache. Auch die unzureichende juristische Aufarbeitung gerade der Verbrechen gegen die ländliche Zivilbevölkerung wurde thematisiert. Mit Blick auf die kommenden Vorträge stellte sich die Frage, ob die Erinnerung an den „Krieg gegen die Dörfer“ auch eine Möglichkeit zum internationalen Dialog darstellen könnte.

Wichtiger Hinweis:

 Der für den 2. April geplante Vortrag Christian Gerlachs fällt aus!