Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten – Woran erinnern? Wessen gedenken?

Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten – Woran erinnern? Wessen gedenken?

Veranstaltungsbericht

Bild: © Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Am 17.10. 2019 fand unter dem Titel Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten – Woran erinnern? Wessen gedenken? eine von unserer Initiative in Kooperation mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas organisierte Podiumsdiskussion statt. Der voll besetzte Vortragsraum im Ort der Information offenbarte das große Interesse für die Debatte um die Erweiterung des Gedenkens an die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen im Osten Europas. Stiftungsdirektor Uwe Neumärker setzte in seiner Begrüßung den Rahmen für das nachfolgende Gespräch. Mit Bezug auf die zivilgesellschaftlichen Initiativen für ein Denkmal für polnische Opfer einerseits und die unter anderem von uns vertretenen breiteren Konzeptionen andererseits sprach er sich gegen ein Gedenken nach nationalen Kategorien aus und betonte die zentrale Bedeutung der historischen Aufklärung. Um den Vergleich zwischen den unterschiedlichen Gegebenheiten zu ermöglichen, befürwortete er eine Dokumentation aller nationalsozialistischen Besatzungsregime Europas.

Moderiert von Dr. Svetlana Burmistr vom Projekt Erinnerung bewahren der Stiftung Denkmal widmete sich die Diskussionsrunde dann verschiedenen Aspekten der Erinnerung an osteuropäische Opfergruppen.

Dr. Peter Jahn wies darauf hin, dass sich die Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen bislang vor allem auf deutsche Opfer konzentriere und es aber wichtig sei, auch Empathie für die Opfer der Mordtaten zu entwickeln, die fernab der Reichsgrenzen stattgefunden haben. So fehle beispielsweise ob der Hunderttausenden Opfer der ländlichen Bevölkerung in Belarus unter deutscher Herrschaft die Anschauung und die emotionale Nähe, die für die Entwicklung eines entsprechenden historischen Bewusstseins förderlich wäre. Prof. Dr. Michael Wildt identifizierte die politischen Rahmenbedingungen des Kalten Krieges als Grund des langwährenden marginalen Interesses für die nationalsozialistischen Verbrechen im Osten Europas jenseits der Shoah. Auch deren schiere Masse sowie die allgemein geringen Kenntnisse über die Länder Osteuropas wurden als Gründe angeführt.

Auf dieser Grundlage war sich das Podium einig, dass die Dokumentation und Vermittlung von Wissen in das Zentrum des Gedenkens gerückt werden sollte. Gleichzeitig galt den Podiumsgästen der Dialog mit den Staaten Osteuropas als unabdingbar. Dr. Axel Drecoll stellte heraus, dass es nicht möglich sei, anderen Vorschriften über ihre Art des Gedenkens zu machen. Auch Michael Wildt lehnte es ab, dass, ähnlich wie im Humboldt-Forum über Kolonialismus aus deutscher Sicht dargestellt werden wird, eine Darstellung über den Vernichtungskrieg allein aus deutscher Perspektive entstünde.

Peter Jahn gab zu bedenken, dass auch in einem Dialog manche Positionen inakzeptabel seien, wie etwa die Ansicht, der russischen Bevölkerung unter deutscher Besatzung könne nicht als Opfer gedacht werden, da sie Bürger eines Agressorenstaats gewesen wären. Im Anschluss an das gemeinsame polnisch-russische Gedenken in Katyń 2010 müsse ein offener Austausch weiterhin vorangebracht werden. Prof. Dr. Martin Aust identifizierte drei verschiedene Sprachen innerhalb eines Spannungsfelds des Nationalen: die Fremdbeschreibung der Opfer durch die Täter im Zusammenhang der Aufarbeitung der Verbrechen, die Selbstbeschreibung der Opfer sowie die Selbstbeschreibung von deren Nachfahren. Diese gelte es in einem Dialog deutlich zu machen und aufeinander zu beziehen.

Eindringlich warnte Axel Drecoll vor der Gefahr der politischen Instrumentalisierung des Gedenkens. Auf geschichtswissenschaftlicher Grundlage sei solchen versuchen entschieden entgegenzutreten. Der neueren fachhistorischen Auseinandersetzung mit den deutschen Besatzungsregimen folgend erläuterte Michael Wildt die Bedeutung des Blicks auf die Interaktion zwischen Besatzern und Besetzten auch hinsichtlich begangener Verbrechen, ohne dabei die deutsche Verantwortung infrage zu stellen. Nationale Denkmale würden eine Auseinandersetzung mit Tätern und etwaiger Mittäterschaft im Vorhinein verhindern.

Insgesamt wurde deutlich, dass die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur eine fachwissenschaftliche, sondern auch eine politische Relevanz von transnationalem Ausmaß hat. Das Podium war sich einig in der Hoffnung, dass die Politik die Forderungen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft nach einer Erweiterung des Gedenkens und der Ermöglichung des Dialoges nun ernst nehmen wird und die notwendigen Entscheidungen zu deren Erfüllung trifft.