Prof. Axel Schildt

Warum der Vernichtungskrieg im Schatten der deutschen Erinnerung blieb

Der Vortragsabend „Kriegserinnerung im Kalten Krieg“ mit dem Hamburger Historiker Axel Schildt versuchte am 20. Juni zu ergründen, warum der Vernichtungskrieg in Osteuropa und gerade seine Opfergruppen bis heute im Schatten der Erinnerung geblieben sind. Der von der Initiative Gedenkort zusammen mit dem Deutschen Historischen Museum organisierten Veranstaltung – parallel zur Ausstellung des Museums über die materiellen „Relikte des Kalten Krieges“ – ging es darum, auch die Relikte in den Köpfen der Menschen in der frühen Bundesrepublik näher zu beleuchten.

Der Referent Prof. Dr. Axel Schildt, Leiter der Hamburger Forschungsstelle Zeitgeschichte, stellte zunächst den Antikommunismus im frühen Kalten Krieg dar, der nicht nur militärisch und politisch wirksam war, sondern fester Bestandteil der kulturellen Mentalität der Bundesrepublik. Er unterschied sich deutlich vom Antikommunismus anderer Demokratien des Westens – wo z.B. wie in Frankreich und Italien legale kommunistische Parteien agierten – durch sein ausgeprägtes, vor allem vom Zweiten Weltkrieg bestimmtes Feindbild der Sowjetunion, die als gerade für Deutschland bedrohlich und expansiv charakterisiert wurde. Eine eher vage formulierte „Freiheit“ bildete dabei den zentralen Gegenbegriff zur  meist „bolschewistisch“ genannten Diktatur und nicht die weniger abstrakte „Demokratie“. In dieses Bild flossen ältere antislawische Vorstellungen von der Gefährdung des Abendlandes durch die „asiatische Despotie“ ein; von dem Konglomerat der NS-Propaganda wurde nur die antisemitische Komponente („jüdischer Bolschewismus“) weggelassen.

Copyright (c) Susan Vaupel / DHM

Schildt betonte, dass das Jahr 1945 keine eindeutige Zäsur  in den aggressiven Stereotypen über die Sowjetunion darstellt und illustrierte dies an zahlreichen Beispielen von politischen Plakaten, den breiten Memoirenschriften von Wehrmachtsoffizieren und auflagenstarker Trivialliteratur. Weiter verdeutlichte er, wie stark der herrschende Antikommunismus und die verfälschende Erinnerung an den Krieg miteinander verwoben waren:  Die Bekämpfung des Kommunismus als entscheidende Kontinuität über 1945 hinaus schien im gesellschaftlichen Bewusstsein die Verharmlosung bzw. Verleugnung  deutscher Verbrechen in der Sowjetunion zu rechtfertigen und die Konzentration auf das Leiden der Deutschen befeuerte wiederum den antirussischen Antikommunismus.

Das Narrativ der Deutschen oder gar des Abendlandes als Opfer sowjetischer Aggression wurde in Angstphantasien vor den „Massen des Ostens“ (so der damalige Außenminister von Brentano) beschworen, wobei die Vertriebenenverbänden eine zentrale Rolle einnahmen. Der Beginn des Krieges, der Überfall der Wehrmacht sowie Deutsche als Täter kamen in der kollektiven Erinnerung praktisch nicht vor. Stattdessen herrschte Mitleid, vor allem mit den deutschen Kriegsgefangenen, vor. Allenfalls wurden die deutschen Soldaten als Opfer nicht nur des Feindes, sondern auch der Fehler Hitlers gesehen.

Schildt wies darauf hin, dass die sowjetische heroisierende Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“, in der das immense Leiden der Bevölkerung wenig Platz hatte, die Verleugnung des Charakters des Vernichtungskrieges durch die deutsche Öffentlichkeit erleichterte; die Sowjetunion hat die Wahrheit nicht eingefordert.

Nach klaren Ergebnissen der deutschen Fachwissenschaft – vor allem der Untersuchung Christian Streits zum Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen – und dem Aufkommen eines Überlegenheits- statt eines Bedrohungsgefühls in der Bundesrepublik, konnte allmählich seit den achtziger Jahren eine realitätsgerechtere Sicht auch öffentliche Resonanz finden. Schildt warnte allerdings davor, Aufklärung als linearen Prozess zu sehen, die Mechanismen der emotionalen Aufladung von Feindbildern seien weiter präsent. Er wies dazu auf problematische alte Stereotype in erfolgreichen deutschen Spielfilmen und die Gefahr hin, dass Darstellungen wie Timothy Snyders „Bloodlands“ die konkrete Verantwortung für Verbrechen einebnen könnten.

Podiumsteilnehmer

Axel Schildt, Peter Jahn und Peter Steinbach (v.l.) diskutieren auf dem Podium, Copyright (c) Susan Vaupel / DHM

In der Diskussion betonte als Diskussionspartner auf dem Podium Prof. Dr. Peter Steinbach, dass es in den 1970er und 1980er Jahren trotz Anstößen zu einer positiven Veränderung, wie der Rede von Bundespräsident von Weizsäcker 1985 und der Reformpolitik Gorbatschovs, weiterhin auch massiven Widerstand gegen die Darstellung deutscher Verbrechen gegeben habe und erklärte dies mit dem Bedürfnis vieler Menschen, weiter mit  ihren Lebenslügen zu leben.

Als Fazit hielten die Diskutanten fest, dass eine intensive Auseinandersetzung, wie es sie für den Mord an den europäischen Juden gegeben hat, im Hinblick auf die Opfer der Lebensraumpolitik im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit noch immer nicht vorhanden ist. Die Schaffung eines Gedenkortes könnte die Basis dafür sein.