Rede Joachim Gaucks zur Erinnerung an sowjetische Kriegsgefangene

Rede Joachim Gaucks zur Erinnerung an sowjetische Kriegsgefangene

Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner Rede zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges am 6. Mai 2015 die Würdigung des Schicksals der sowjetischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenenschaft in Zentrum gestellt. Bei seiner Ansprache in der Gedenkstätte Schloss Holte-Stukenbrock – als Stammlager (Stalag) 326 eines der größten Lager für sowjetische Kriegsgefangene – erinnerte er „an eines der größten Verbrechen in diesem Krieg“.

Wir müssen heute davon ausgehen, dass von über 5,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen deutlich mehr als die Hälfte umkam. Millionen Schicksale, Millionen Namen, Millionen Lebensgeschichten. Es waren Russen, Ukrainer, Weißrussen, Kirgisen, Georgier, Usbeken, Kasachen, Turkmenen – Soldaten aus allen Völkern, die damals zur Sowjetunion gehörten.

Wenn wir betrachten, was mit den westalliierten Kriegsgefangenen geschah, von denen etwa drei Prozent in der Gefangenschaft umkamen, dann sehen wir den gewaltigen Unterschied: Anders als im Westen war der Krieg im Osten vom nationalsozialistischen Regime von Anfang an als ein Weltanschauungs- und Vernichtungs- und Ausrottungskrieg geplant – und in der Regel auch geführt, denken wir zum Beispiel an diese schreckliche jahrelange Belagerung Leningrads mit dem Ziel des Aushungerns einer Millionenstadt. Denken wir an die Brutalität gegenüber der Zivilbevölkerung in allen besetzten Ländern, ganz besonders aber in der Sowjetunion.

Das geschah bewusst und vorsätzlich und auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers. Die Wehrmacht setzte diese Befehle bereitwillig um. Es war der Generalstabschef Halder, der im Mai 1941 formulierte: „Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad“. Dementsprechend sollten die Gefangenen behandelt werden, und das ist bei den Völkern der ehemaligen Sowjetunion bis heute in unauslöschlicher Erinnerung.

Gauck betonte, dass das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland „aus mancherlei Gründen“ nie angemessen ins Bewusstsein gekommen sei. Er dankte gleichwohl Initiativen für ihre Erinnerungs- und Gedenkarbeit wie der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, dem Verein Gegen Vergessen/Für Demokratie und dem Deutsch-Russischen Museum Karlshorst:

Sie helfen bei einer Aufgabe, die sich auch 70 Jahre nach Kriegsende noch stellt: auch das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Erinnerungsschatten heraus zu holen.

Die vollständige Rede finden Sie als PDF hier:
Ansprache Gauck Holte-Stukenbrock

 

 

Bildquelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung