Podiumsdiskussion zu den osteuropäischen Opfern des Nationalsozialismus

Am 15.01.2019 fand in der Topographie des Terrors eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Osteuropäische Opfer des Nationalsozialismus in der deutschen Erinnerungskultur“ statt. Moderiert von Harald Asel vom rbb sollten Prof. Dr. Aleida Assmann, Dr. Jochen Böhler und Prof. Dr. Claudia Weber erörtern, wie sich das aktuelle Gedenken an die verschiedenen NS-Opfergruppen in der Bundesrepublik gestaltet. Auch die Bedingungen für die unterschiedliche Beachtung einzelner Opfergruppen sowie der mögliche Beitrag von Gedenkstätten und -orten zu einer Erweiterung der Erinnerungskultur sollten thematisiert werden.

Der einführende Vortrag Aleida Assmanns konzentrierte sich zunächst auf theoretische Aspekte der kollektiven Erinnerung, welche anhand der Entwicklung der deutschen und europäischen Erinnerungspolitik konkretisiert wurden. Im Zentrum stand der ihrer Meinung nach seit 1990 beschleunigte Übergang von einem nationalen Monolog, der die eigenen Erfolge feiert und begangene Verbrechen verschweigt, zu einem internationalen Dialog, der mit einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte einhergeht und es letztlich ermöglichen soll „sich selbst mit den Augen des Anderen zu sehen“.

Claudia Weber bezweifelte in Reaktion auf den Impulsvortrag, ob es in der europäischen Erinnerungspolitik jemals zu einem wirklichen Dialog gekommen sei. Ein Einwand, dem die Präzisierung entgegnet wurde, hier seien in erster Linie die europäische Integration und die mühsam erkämpften Fortschritte des deutschen NS-Gedenkens gemeint. An diesen Punkt konnte die Diskussion um die Leerstelle in der Erinnerung hinsichtlich der Millionen Opfer der deutschen Vernichtungspolitik im Osten Europas direkt anknüpfen.

Die in Anbetracht der Auswahl der Podiumsgäste nicht ganz unbegründete Befürchtung, dass die Diskussion vor allem für ein Denkmal ausschließlich für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung werben würde, bewahrheitete sich nicht. Vor allem Jochen Böhler wies zwar auf seine Unterstützung für ein solches Denkmal hin, seine Argumente zur Besonderheit des polnischen Falls und der Rolle Polens als Nachbarland konnten aber nicht völlig Überzeugen. Gerade auch aus dem Publikum wurde auf die Problematiken der nationalen Verengung hingewiesen, wie etwa die notwendige Berücksichtigung aller Opfer unabhängig von ihrer Nationalität oder die komplexe historische Bevölkerungssituation in Ost- und Ostmitteleuropa.

Insgesamt erreichte die Podiumsdiskussion ein wichtiges Ziel: Die Thematisierung der weiterhin vernachlässigten osteuropäischen Opfer des Nationalsozialismus. Es gelang aber nur unzureichend, wirkliche Fortschritte in der Debatte zu erzielen. Die betonte Wichtigkeit der Bereitstellung historischer Informationen jenseits der symbolischen Geste eines Denkmals ist beispielsweise seit längerem erinnerungspolitischer Konsens. Auch unser Vorschlag eines Gedenkortes sieht eine solche vor (s. unsere Broschüre).

Zuweilen fiel das Gespräch sogar hinter bereits erreichte Erkenntnisse zurück. So ist der Grund für die ungleiche Aufmerksamkeit zuungunsten der osteuropäischen gegenüber den westeuropäischen Mordopfern (Stichwort Oradour) keineswegs unbekannt, wie die Diskussion zwischenzeitlich vermuten ließ. Zu nennen wären die Kontinuität antislawischer Feindbilder und der Rassismus in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die geopolitische Situation des Kalten Krieges sowie die aktuellen Konflikte der Bundesrepublik mit ihren osteuropäischen Nachbarn (vgl. z. B. die Aufsätze Axel Schildts und Peter Jahns in unserem Vortragsband).

Überraschend war ein Vorstoß Markus Meckels aus dem Publikum. Ihm zufolge müsse der Fokus grundsätzlich von einem Gedenkort hin zur Geschichtsvermittlung in einem größeren Museum gerückt werden. Vor einem solchen könne dann auch ein entsprechender Ort der Erinnerung entstehen. Es bleibt abzuwarten, ob von diesem Beitrag ein entscheidender Impuls für kommende Debatten ausgehen wird.

Ein Mitschnitt der Podiumsdiskussion wird voraussichtlich am 27.01.2019 um 11 und um 20 Uhr im Inforadio des rbb übertragen.