Diskussion zur deutschen Besatzungspolitik in Jugoslawien

Diskussion zur deutschen Besatzungspolitik in Jugoslawien

Am 14. Oktober 2015 diskutierten im Centre Marc Bloch in Berlin Experten eines international besetzten Podiums über das Thema „Zwischen Bündnispflege und Massenvernichtung. Deutsche Besatzungspolitik in Jugoslawien“. Die Veranstaltung fand in Erinnerung an den im Februar 2015 verstorbenen Südosteuropa-Historikers Holm Sundhaussen statt und bildete den vorerst letzten Abend der vierteiligen Veranstaltungsreihe „Opfer der deutschen ‚Lebensraum‘-Politik in Osteuropa. Eine vergleichende Sicht“.

In seinem einführenden Vortrag fasste Milan Ristović, Professor am Seminar für Neuere Geschichte der Universität Belgrad, die deutsche Kriegführung in Südosteuropa und die damit zusammenhängenden Planungen zusammen. Dabei konzentrierte er sich weitgehend auf die Darstellung der Situation in Serbien.

Prof. Milan Ristović

Prof. Milan Ristović

Die Nationalsozialisten, so Ristović, hätten Südosteuropa nicht als primären Eroberungsraum, sondern als wirtschaftlichen Ergänzungsraum gesehen. Den zunächst geradezu fieberhaften deutschen Planungsaktivitäten habe die Kriegspraxis gegenüber gestanden, die sich von jenen Planungen sehr stark unterschied. Im Zentrum stand die Ausbeutung der besetzten Länder. Durch die Interessenkonflikte der verbündeten Nationen habe die NS-Formel der „Neuen Ordnung“ hier, am unteren Ende von dessen Hierarchie, eher die Bedeutung einer „Ordnung einer Anarchie“ angenommen.

Die Arbeitskraft habe der deutschen NS-Politik als der wichtigste Rohstoff aus Jugoslawien und Südosteuropa gegolten, mit einem Potential von anderthalb Millionen möglichen Zwangsarbeitern, die aber stets mit rassisch-ideologischen Warnungen vor möglicher „Vermischung“ verbunden worden seien.

Nach dem Ausbruch und der schnellen Ausbreitung der Aufstandsbewegung in Serbien wurden dann allein zwischen September und Dezember 1941 in Massakern der Wehrmacht in Serbien über 30.000 Zivilisten erschossen.
Ristović ging auch auf den ungewöhnlich frühen Beginn der Judenvernichtung unter deutscher Besatzung in Serbien ein. Diese sei hier unter entscheidender Beteiligung der Wehrmacht erfolgt.

An den Vortrag Milan Ristovićs schloß sich eine Diskussion der Podiumsteilnehmer an. Sabine Rutar vom Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg betonte im Anschluss an die Überlegungen Ristovićs noch einmal die Spannung zwischen dem wirtschaftlichem Interesse der deutschen Besatzer an Südosteuropa auf der einen Seite und dem nur rudimentären territorialen und politischen Interesse auf der anderen. Die Besatzungspolitik sei gleichsam ad hoc über das Ziel der geplanten Ausbeutung gestülpt worden.

Dr. Sabine Rutar, Dr. Xavier Bougarel und Prof. Dr. Hannes Grandits

Dr. Sabine Rutar (IOS Regensburg), Dr. Xavier Bougarel (Centre Marc Bloch) und Prof. Dr. Hannes Grandits (HU Berlin) bei der Diskussion

Xavier Bougarel vom Centre Marc Bloch pointierte, dass es viele deutsche Pläne für Südosteuropa gegeben habe, letztendlich aber keinen Plan: Im Gegensatz zum „Generalplan Ost“ – der in Südosteuropa nur Slowenien tangierte – habe es eben keinen „Generalplan Südost“ gegeben. Für Hitler sei diese Region eine „Marginalität“ gewesen, zitierte Bougarel ein Diktum Sundhaussens. Letztendlich hätten die Partisanen gewonnen, da neben Deutschland auch Großbritannien und die Sowjetunion nur geringes Interesse an der Region gehabt hätten – mit Ausnahme von Griechenland aufgrund dessen strategisch wichtigen Mittelmeerzugangs.

Sundhaussen habe festgestellt, das Deutschland letztlich aufgrund seiner in Südosteuropa kaum vorhandenen territorial-politischen Interessen in diesem Gebiet seine Bündnispartner zufrieden gestellt habe.

Marija Vulesica vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin wies angesichts der Ereignisse in Jugoslawien darauf hin, wie sinnvoll eine europäisch gefasste Holocaust-Forschung sei. Vor allem in Serbien sei sichtbar geworden, dass die systematische Ermordung der Juden schon vor der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 im Gang war.