Matthias Platzeck erinnert am Tiergarten an vergessene Opfer

Matthias Platzeck erinnert am Tiergarten an vergessene Opfer

Berlin feiert die Befreiung! Am 9. Mai 2015 kamen unter diesem Titel hunderte Berliner zum Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. Als Redner erinnerten Matthias Platzeck, ehemaliger Ministerpräsident Brandenburgs sowie Peter Jahn, Gründer der Initiative Gedenkort, auch an bisher wenig beachtete Opfer des deutschen Vernichtungskrieges. Der Künstler Grigory Kofman und die „Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot“ begleiteten die von dem Historiker und Publizisten Götz Aly angeregte Gedenk- und Feierveranstaltung musikalisch.

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Die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot

 

In seiner Ansprache betonte Matthias Platzeck die „unvorstellbare Grausamkeit“, mit der die sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern behandelt worden seien. Er erinnerte an die Bewohner des belarussischen Dorfen Chatyn, „eines von 629 Dörfern, die wir Deutschen allein auf dem Gebiet von Belarus ausradiert haben, die Alten und die Kinder ermordet und erschossen haben“. Solche Verbrechen seien aus nichtigen Anlässen oder aus Rache ausgeführt worden. Dass nun, Jahrzehnte danach, die betroffenen Völker bereit seien, „uns Versöhnung, Vergebung, gar Freundschaft entgegenzubringen, halte ich für ein Geschenk, für das ich zutiefst dankbar bin“.

Peter Jahn sprach über den Ort, an dem die Gedenkfeier stattfand. Am Sowjetischen Ehrenmal hier am Tiergarten seien 2000 Soldaten begraben, stellvertretend für die neun Millionen gefallener Rotarmisten: „Jetzt mit unseren Feiern machen wir es zum eigenen Denkmal. Wir stehen jetzt davor, aber symbolisch stehen wir ganz dahinter! Es ist legitimer Teil der einmaligen Versammlung von Denkmälern im Tiergarten.“

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Der Historiker Peter Jahn bei seiner Ansprache

 

Gleichzeitig betonte Peter Jahn aber eine Leerstelle der Erinnerung:  „Wo wird denn am zentralen Ort, im Tiergarten,  der über drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht, die in den deutschen Lagern erschossen oder mehrheitlich dem Hungertod ausgeliefert wurden? Wo ist der Platz der Erinnerung an die eine Million Einwohner Leningrads, die verhungerten, weil die deutsche Führung in der Belagerung die ganze Stadt samt aller drei Millionen Einwohnern vernichten wollte. Wo wird der hunderttausenden Zivilisten gedacht, die fast unbemerkt in den besetzten Städten starben, weil sie von jeder Versorgung abgeschnitten wurden? Der tausenden Dörfer, die samt ihren Einwohnern verbrannt wurden? Der in den Internierungslagern dem Hungertod preisgegebenen Zivilisten, die nicht als Zwangsarbeiter für die deutsche Besatzungsmacht taugten?“

Er schloß seine Rede mit einem Aufruf: „So lasst uns die hier beigesetzten Toten ehren, indem wir ihre Befreiungstat feiern – und fordern wir gemeinsam, im Tiergarten auch einen Ort des Gedenkens für die Millionen Opfer des deutschen Vernichtungskrieges zu errichten, die hier und in Treptow oder Schönholz keinen Platz gefunden haben.“

Porträts erinnerten an die Opfer der deutschen Vernichtungspolitik in Osteuropa

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