Der Osten als Feindbild und Traumland

Der Osten als Feindbild und Traumland

Die unterschiedlichen historischen Grundlagen, auf denen die nationalsozialistische „Lebensraum“-Ideologie basierte, waren das Thema eines Vortrags des Historikers Dr. Wolfgang Wippermann am 8. Juli im Berliner Haus der Kirche. Der Vortrag war Teil der Veranstaltungsreihe der Initiative Gedenkort zu den „Opfern der deutschen „Lebensraum“-Politik in Osteuropa“.

Wer, so fragte Wippermann rhetorisch, habe das ideologische Konzept vom „deutschem Lebensraum“ erfunden? Er verwies darauf, dass Adolf Hitler bereits am 3. Februar 1933 vor Generälen der damaligen Reichswehr als Ziel seiner Politik die Gewinnung von Lebensraum im Osten bezeichnet hatte. Das Hitlers Vorstellung zugrunde liegende Konzept sei aber wesentlich älter und vor allem von Historikern entwickelt worden.
Insbesondere die deutsche „Ostforschung“ habe als eine spezifisch deutsche Wissenschaftsdisziplin ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Idee eines „deutschen Kulturbodens“ verbreitet und damit Begründungen für die NS-Lebensraumpolitik geschaffen. Später sei auch der „Generalplan Ost“, der Plan einer zwangsweisen Umsiedlung oder Ermordung von Dutzenden Millionen Menschen in Osteuropa, von Ostforschern entwickelt worden.

Pfarrerin Marion Gardei bei der Einführung ins Thema.

Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelischen Landeskirche, führte in den Vortrag ein.

Wippermann erläuterte in seinem Vortrag genauer, welch unterschiedliche Stereotypen und Ideologien zur nationalsozialistischen Vorstellung eines „deutschen Lebensraumes im Osten“ beigetragen hätten. Als einzelne Elemente arbeitete er den traditionellen Antislawismus großer Teile deutscher Eliten ebenso heraus wie den wirkmächtigen „Geostereotyp“ eines „Ostens“, der für die Deutschen sowohl „Feindbild wie Traumland“ gewesen sei. Geopolitische Ideologien hätten geographische Räume als geschichtsbestimmende Elemente gedeutet.
Als besonders einflussreich und als noch bis vor kurzem kaum hinterfragt schilderte er die „Kulturträgerideologie“, also die Theorie, dass Ostmitteleuropa erst durch die deutsche Kolonisation im Hochmittelalter zivilisatorisch entwickelt worden sei. Wippermann verwies darauf, dass diese heute klar widerlegte Theorie Ende des 18. Jahrhunderts nach den polnischen Teilungen zunächst entwickelt wurde, um die preußische Okkupationspolitik zu begründen.

Der nationalsozialistische Krieg um „Lebensraum“ sei vor diesen verschiedenen ideologischen Grundlagen nicht nur der brutalste, sondern auch der wissenschaftlichste der Weltgeschichte gewesen. Das NS-Regime habe „Rassenkriege“ geführt, die sich gegen die Juden, aber gleichermaßen auch gegen die Sinti und Roma und die Slawen richteten.

Zum Abschluss seines Vortrags ging Wippermann auf die Forderung nach einem heutigen Gedenkort für die Opfer der NS-“Lebensraum“-Politik ein. Er sehe Erinnerungstafeln und Denkmäler meist skeptisch, weil deren Wirkung in der Öffentlichkeit deutlich überschätzt werde. Mit den Gedenkorten am Tiergarten sei aber begonnen worden, in der politischen Mitte Berlins an die wichtigsten Opfergruppen der Nationalsozialisten zu erinnern. Konsequenterweise müsste es nun auch für die Millionen nichtjüdischer Opfer in Polen und der Sowjetunion einen solchen Erinnerungsort geben.