Podium: Enormer Nachholbedarf in der deutschen Erinnerung

Podium: Enormer Nachholbedarf in der deutschen Erinnerung

Eine differenziertere Erinnerung an die osteuropäischen Opfer der deutschen Vernichtungspolitik 1939 bis 1945 ist dringend notwendig. Über diesen Appell waren sich namhafte Historiker aus Deutschland, Russland und Polen am 20. Mai 2014 einig.

Bei einer Podiumsdiskussion im mit rund 200 Besuchern voll besetzten Auditorium der Berliner Topographie des Terrors debattierten sie über die schwierige Aufgabe, die historischen Fakten des Vernichtungskriegs und der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen und der Sowjetunion aus dem weitgehenden Vergessen zu lösen.

„Vernichtungskrieg sui generis“

Peter Jahn bei seinem Eingangsreferat in der Topographie des Terrors

Peter Jahn

Peter Jahn erläuterte in einer einführenden Rede, welche unterschiedlichen Personengruppen im Krieg 1939 bis 1945 Opfer von NS-Verbrechen wurden. Er konzentrierte sich dabei auf Mordopfer: Millionen wehrloser Menschen, die außerhalb militärischer Kampfhandlungen gezielt getötet worden seien. Die „Beräumung“ der Regionen im Namen eines „deutschen Lebensraumes“, d.h. die Vertreibung und Ermordung der dort lebenden Menschen, sei das wichtigste deutsche Kriegsziel im Osten gewesen.

Auch der Historiker Reinhard Rürup betonte, dass das deutsche Militär schon vor Beginn des Russlandfeldzuges die Vernichtung großer Teile der Bevölkerung einkalkuliert hatte: „Es war eindeutig. Man handelte mit Vorsatz.“ Die Menschen seien schlicht als „überflüssig“ bezeichnet worden. Ekaterina Makhotina von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sprach von einem „Vernichtungskrieg sui generis“.

Fehlender öffentlicher Diskurs in Deutschland

Jürgen Zarusky und Robert Traba auf dem Podium

Jürgen Zarusky und Robert Traba

Der Kalte Krieg habe den Diskurs über die deutschen Verbrechen in Osteuropa in Westdeutschland eingefroren und die Erinnerung an die Opfer zurückgedrängt, sagte Jürgen Zarusky, Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Und man solle keinesfalls glauben, dass in letzten zwei Jahrzehnten dieser Rückstand aufgeholt worden sei.
Vor allem fehle ein Perspektivwechsel: Viel zu wenig Interesse bestünde in Deutschland an den polnischen, russischen oder ukrainischen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Bis heute gebe es beispielsweise keine neue Fassung des berühmten „Blockadebuchs“ von Daniil Granin, man müsse weiterhin antiquarisch auf die DDR-Ausgaben zurückgreifen.

Empathie für die Opfer
Der polnische Historiker Robert Traba bestätigte, dass in Deutschland zu viel Gleichgültigkeit zum Thema herrsche und stellte die Frage, wie man eine nachhaltige öffentliche Debatte anstoßen könne. Ein entscheidender Aspekt sei, so Ekaterina Machotina, Empathie für die Opfer der Verbrechen zu vermitteln. Diese gebe es in Deutschland für osteuropäische Opfer bisher kaum.

Diskussion über einen Gedenkort

Ekaterina Makhotina und Reinhard Rürup auf dem Podium

Ekaterina Makhotina und Reinhard Rürup

Immer wieder kam die Idee eines Gedenkortes für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik zur Sprache. Reinhard Rürup betonte, dass Erinnerungsorte nur dann wirken könnten, wenn Menschen eine genaue Vorstellung davon hätten, an wen dort gedacht werde. Der Sammelbegriff „Slawen“ wurde vom Podium jedoch als thematisch unscharf und ideologisch besetzt verworfen. Für ein Denkmal sei nicht zuletzt eine Erinnerungsgemeinschaft wichtig, die ihre Interessen deutlich vertrete, betonte Ekaterina Machotina.
Robert Traba warnte vor einer Konkurrenz der Opfer und einer Debatte entlang von Nation oder Ethnie, wer am stärksten gelitten oder die meisten Opfer zu beklagen habe. Zudem kritisierte er die Trennung von Kriegs- und Mordopfern. Beide Gruppen seien als Opfer der Besatzungsherrschaft zu sehen.
Gleichwohl, so Peter Jahn, dürfe sich die deutsche Gesellschaft nicht aus der historischen Verantwortung ziehen, weil die Abgrenzungen der Opfergruppen schwierig sei. Die Verbrechen in Osteuropa müssten in der deutschen Erinnerung künftig einen viel zentraleren Platz einnehmen.

Der Moderator der Podiumsdiskussion, der Direktor der Topographie des Terrors Andreas Nachama, schloss die Veranstaltung mit dem Aufruf, die Empathie mit den Opfern zu fördern: „Rufen wir die Namen und Gesichter, Leben und Leiden der einzelnen Opfer ins öffentliche Bewusstsein.“

Publikum der Podiumsdiskussion, u.a. Günter Morsch, Direktor der Brandenburgischen Gedenkstätten, Uwe Neumärker, Leiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der ehemalige Regierende Bürgermeister Berlins, Walter Momper

Im Publikum verfolgten u.a. Günter Morsch, Direktor der Brandenburgischen Gedenkstätten, Uwe Neumärker, Leiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der ehemalige Regierende Bürgermeister Berlins, Walter Momper die Diskussion