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Kleine Ausstellungen im Gedenkjahr 2016

Bild: © chezweitz GmbH, Berlin

In diesem Jahr jährte sich der Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion zum 75. Mal. Obwohl dieser den Beginn eines bis heute beispiellosen Vernichtungskrieges markierte, welcher etwa 27 Millionen sowjetische Opfer forderte, spielt der Jahrestag in der deutschen Erinnerungskultur auch dieses Mal nur eine untergeordnete Rolle. Anders als beispielsweise beim 100-jährigen Jubiläum des Beginns des Ersten Weltkrieges 2014 mit einer Unzahl von Büchern, Artikeln und Ausstellungen wurde an dieses so wichtige Thema in der Öffentlichkeit eher beiläufig erinnert. Immerhin, es eröffnete eine Reihe kleinerer Ausstellungen, welche sich verschiedenen Aspekten des „Unternehmens Barbarossa“ widmeten und damit auch eine Auseinandersetzung mit den deutschen NS-Verbrechen im Osten Europas einforderten.

Die größte Bedeutung kommt hier der Freiluftausstellung „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945“ am Potsdamer Platz zu, die von Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum initiiert und organisiert worden war. Sie wurde am 21. Juni 2016 eröffnet und wird noch bis zum 30. April 2017 zu sehen sein.

Auf zehn Tafeln wird nicht nur über den Krieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion, über Opfer und Täter im Völkermord und Massenmord, sondern auch über die ideologischen Grundlagen, die Kriegsplanungen sowie die Erinnerungskultur informiert. Günther Morsch, der diesjährige Vorsitzende der Ständigen Konferenz und Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten betonte bei der Eröffnung in Anwesenheit der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters und des russischen Botschafters Wladimir M. Grinin die Notwendigkeit, im Zentrum Berlins einen ständigen Gedenkort für die Opfer der nationalsozialistischen „Lebensraum“-Politik zu errichten. Diese Ausstellung am Potsdamer Platz dokumentiert in erster Linie anhand fotografischer Zeugnisse deren Folgen. Sie stützt an markantem Ort in Berlin die Forderung unserer Initiative und macht anschaulich, dass ein angemessenes Gedenken auch den Raum für Information bieten müsste.

Ebenfalls unter der Verantwortung Günther Morschs und kuratiert von Sabine Sieg eröffnete am 6. November im Neuen Museum der Gedenkstätte Sachsenhausen eine Sonderausstellung, die im Titel ein Zitat aus dem Einsatzbefehl Nr. 9 von Gestapo Chef Heinrich Müller trägt: „Die Exekutionen müssen unauffällig im nächstgelegenen Konzentrationslager durchgeführt werden.“ In den Monaten September bis November 1941 waren über 13.000 sowjetische Kriegsgefangene aufgrund des „Komissarerlasses“ aus ihren Stammlagern nach Sachsenhausen deportiert und mehr als 10.000 dort mit einer eigens eingerichteten Genickschussanlage ermordet worden. Die übrigen kamen aufgrund der erbärmlichen Haft- und Transportbedingungen ums Leben.

In Sachsenhausen waren zu propagandistischen Zwecken Fotografien von einigen dieser Häftlinge hergestellt worden. Die Ausstellung zeigt nun zum ersten Mal alle 68 durch Häftlinge bewahrte Fotos dieser vor 75 Jahren im KZ Sachsenhausen ermordeten Kriegsgefangenen als vollständige Serie. Nur drei der Motive finden sich später auf einem mutmaßlichen Handzettel zur NS-Ausstellung „Das Sowjetparadies“ wieder. Die im Berliner Lustgarten und an weiteren Orten gezeigte Ausstellung sollte die Bewohner der Sowjetunion als Feind- und Propagandabild entmenschlichen, verunglimpfen und die nationalsozialistische Rassenideologie vom „slawischen Untermenschen“ untermauern.

In der Ausstellung bekommen jetzt 68 Opfer der nationalsozialistischen Mordpolitik ein Gesicht. Die vom Büro chezweitz verantwortete Gestaltung unterstützt dies eindrucksvoll. Auf fast transparenten Stoffbahnen treffen Ausstellungsgäste auf lebensgroße Abzüge der Porträts. Die Gesichter der meist jungen Soldaten entziehen sich damit gegen die Intention der Fotografen einer Verdinglichung. Vielmehr drückt sich hier ihr Menschsein aus. Die Namen bleiben unbekannt – wie bei vielen der über drei Millionen Kriegsgefangenen, welche in deutscher Gefangenschaft umkamen. Die Ausstellung informiert über den Hintergrund der nationalsozialistischen Mordaktion und deren rassistische Motivation. Auch berichtet sie von den mutigen Mitgefangenen wie dem tschechischen Fotografen Jaroslav Šklíba aus dem Fotolabor des Lagers, welche wissend um das Schicksal der Abgebildeten die Fotografien an sich nahmen und diese sogar über die Todesmärsche am Kriegsende retteten. Schließlich wird auch der Umgang mit den Abbildungen, deren Originale sich heute im Staatsarchiv Prag und im Mährischen Museum Brünn befinden, in der Nachkriegszeit beleuchtet. Noch bis zum 18. Juni 2017 wird die Ausstellung neben weiteren Sonderausstellungen in der Gedenkstätte Sachsenhausen zu sehen sein.

Daran, dass der größte Teil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im Osten Europas vollzogen wurde, erinnert eine kürzlich in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen eröffnete Wanderausstellung. Eine Kooperation der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätten Dortmund und Minsk und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas widmet sich hier der Vernichtungsstätte Malyj Trostenez in Belarus, welche seit dem Frühjahr 1942 Schauplatz der organisierten NS-Mordpolitik war. Es handelte sich um den zeitweilig größten Vernichtungsort auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Bis zu 60.000 Menschen, vor allen Dingen Jüdinnen und Juden aus Belarus, Österreich, Tschechien sowie dem Deutschen Reich, aber auch Mitglieder der Widerstandsbewegungen sowie Kriegsgefangene wurden hier ermordet.

Nach der Schließung des Lagers im Sommer 1943 versuchte die SS, die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Dies gelang nur zu einem Teil. Umso wichtiger erscheint die Fokussierung der Erinnerung aus dem überlieferten Material. Die Ausstellung zeigt in deutscher und russischer Sprache anhand biografischer Zeugnisse der Opfer exemplarisch die Folgen von Krieg und Shoa. Auch die Täter und deren Verbrechen sowie die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik und Belarus werden beleuchtet. Auf diese Weise zeugt die Ausstellung, welche im intensiven internationalen Dialog entstand, auch davon, wie sich eine europäische Gedenkkultur etablieren ließe. In Hamburg ist die 18 Module umfassende Ausstellung noch bis zum 7. Dezember diesen Jahres zu sehen. Im März 2017 eröffnet sie in Minsk. Danach soll sie auch in anderen deutschen Städten gezeigt werden.

Während die erste der vorgestellten Ausstellungen einen Überblick über den Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion gibt, sind die beiden anderen auf Teilaspekte der deutschen Mordpolitik konzentriert. Alle drei Ausstellungen dokumentieren die Dimension und die Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion und zeigen die Möglichkeiten eines angemessenen Erinnerns auf. Und alle werden spätestens 2018 verschwunden sein. Hier wird umso deutlicher, dass ein von der Initiative angestrebter zentraler, auf Dauer angelegter Ort des Gedenkens an diese Opfer unerlässlich ist, und es bleibt zu hoffen, dass den einmütigen Forderungen der historischen Forschung und der Gedenkstättenvertreter nach einem solchen Ort im Zentrum der Hauptstadt gefolgt wird.