"Kriegsverbrechen wurden zum Alltag"

„Kriegsverbrechen wurden zum Alltag“

„Krieg ist nicht gleich Krieg“, so beantwortete Prof. Johannes Hürter die rhetorische Frage des Veranstaltungstitels. In seinem Vortrag zum Vergleich der deutschen Besatzungsherrschaft in Frankreich und der Sowjetunion betonte er, dass trotz ihrer Schrecken die Besatzung Frankreichs nicht mit jener im Rahmen des deutschen Raub- und Vernichtungskrieges in der Sowjetunion gleichzusetzen sei.

Der Vortrag Johannes Hürters, Leiter der Abteilung Zeitgeschichte im Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, fand am 17. September als dritter Termin der Veranstaltungsreihe zu den Opfern der deutschen „Lebensraum“-Politik in Osteuropa im Ort der Information des Holocaust-Denkmals in Berlin statt.

Prof. Hermann Wentker, Leiter der Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte, bei seiner Einführung

Prof. Hermann Wentker, Leiter der Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte, bei seiner Einführung

Prof. Hürter skizzierte zu Beginn die Geschichte dreier deutscher Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung in Oradour/Frankreich, Chatyn/Weißrussland sowie Nikolskoe/Russland. Während das Massaker von Oradour heute zu einer Chiffre des deutschen Besatzungsterrors in Frankreich geworden sei, sei das Schicksal des weißrussischen Dorfs Chatyn bis heute in Deutschland so gut wie unbekannt. Dabei sei das dortige Massaker der SS-Sondereinheit Dirlewanger an über 150 Einwohnern nicht wie in Frankreich eine Ausnahme gewesen, „sondern die fast alltägliche Praxis der deutschen Besatzungsherrschaft“ in der Sowjetunion.

In Chatyn befindet sich heute die Nationale Gedenkstätte der Republik Belarus und es steht symbolisch für die zahllosen „verbrannten Dörfer“ dieser Region. Unter anderem wurden dort 186 Grabsteine aufgestellt, die jeweils an eine der von Deutschen vernichteten und nach dem Krieg nicht wieder aufgebauten Ortschaften erinnern.
So wie der NS-Terror gegenüber der Landbevölkerung sei auch der Mord im russischen Nikolskoe an Hunderten Patienten einer psychiatrischen Anstalt in Deutschland heute fast gar nicht bekannt und wenig erforscht.
Deutliche Unterschiede zwischen Frankreich und der Sowjetunion konstatierte Hürter auch in der Behandlung sowohl der Zwangsarbeiter als auch der Kriegsgefangenen. Während bis 1945 ca. 2,8% der französischen Soldaten in deutschem Gewahrsam ums Leben kamen, sind etwa 53% der sowjetischen Kriegsgefangenen gestorben, weil sie unterversorgt, misshandelt oder ermordet wurden. Dies sei „das größte Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg“.

Prof. Hürter mit Bildern aus der Gedenkstätte Chatyn

Aufnahmen aus der Gedenkstätte Chatyn

Der Krieg gegen die Sowjetunion sei ein „schlichtweg mörderischer Krieg“ gewesen, maßgeblich geprägt durch die nationalsozialistische Rassen- und Lebensraumideologie. In dessen biologistischer Hierarchisierung hätten die deutschen Besatzer Weißrussen, Russen und Ukrainern ebenso wie Polen nur ein begrenztes Lebensrecht eingeräumt.
Auch die Mangelernährung in der Sowjetunion sei nicht primär Folge des Kriegsgeschehens gewesen, sondern habe in der Strategie der Ausbeutung gelegen, die neben der Unterdrückung den mit Abstand wichtigsten Teil der Besatzungspolitik gebildet habe. Das mögliche Verhungern von Millionen Menschen sei bewusst einkalkuliert worden.

Zum Ende folgte eine rege Diskussion mit dem Publikum. Auf eine Frage, wie er im Vergleich zu den beschriebenen Ländern die Kriegssituation in Polen einschätze, verdeutlichte Prof. Hürter, dass Polen einen mit der Sowjetunion vergleichbaren, während des Krieges deutlich gesteigerten NS-Terror erlebt habe. Die Umsetzung der konkreten deutschen „Lebensraum“-Politik sei in Polen sogar schon weiter fortgeschritten gewesen.

Prof. Hürter bei der Diskussion mit dem Publikum

Prof. Hürter bei der Diskussion mit dem Publikum

Als Abschluss der diesjährigen Veranstaltungsreihe wird der Belgrader Historiker Milan Ristović sowie ein international besetztes Podium über die deutsche Besatzungspolitik in Südosteuropa diskutieren. Diese Veranstaltung findet am 14. Oktober ab 18.30 Uhr im Georg-Simmel-Saal des Centre Marc Bloch (Friedrichstraße 191-193) statt.