Hintergrund

Wer sind die verdrängten Opfer der NS-Verbrechen in Mittel- und Osteuropa?

Zum Ziel deutscher NS-Verbrechen in Mittel- und Osteuropa wurde vor allem auch die jüdische Bevölkerung, Sinti und Roma sowie psychisch kranke oder geistig behinderte Menschen. An sie erinnern die Denkmäler für die ermordeten Juden Europas, für die ermordeten Sinti und Roma und für die  Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde.

Die Initiative will darüber hinaus an die Millionen Frauen, Männer und Kinder erinnern, die Opfer weiterer deutscher Verbrechen in Polen und auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion wurden.

Das polnische Bürgertum
Deutsches Ziel war die Ermordung der polnischen Führungsschicht, um die nationale Identität Polens auszulöschen. Bereits bis Ende 1939 ermordeten Einsatzgruppen von SS und Polizei sowie Wehrmachteinheiten mindestens 40 000 polnische Zivilisten. In der sog. „AB-Aktion“ 1940 wurden weitere 3500 Angehörige der polnischen Intelligenz erschossen. Parallel begann die Vertreibung der polnischen Bevölkerung aus Westpolen. Insgesamt wurden unter deutscher Herrschaft rund 840.000 Polen vertrieben oder deportiert.
Die sowjetischen Kriegsgefangenen
Von den rund drei Millionen Soldaten der Roten Armee, die 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, überlebte bis Mai 1942 nur jeder Dritte. Die große Mehrheit verhungerte in den deutschen Lagern in der Ukraine und Weißrussland, aber auch mitten im Deutschen Reich. Sie wurden zum Opfer einer zielgerichteten, von der deutschen Führung gegenüber den Kriegsgefangenen festgelegten Hungermordstrategie.
Zudem wurden an die 100 000 Menschen als mögliche politische Feinde erschossen, darunter bis zu 10 000 Politoffiziere der Roten Armee.

Die Hungermordstrategie wurde nach dem Scheitern des Blitzkriegsplans modifiziert, Kriegsgefangene ab Sommer 1942 mehrheitlich als Zwangsarbeiter eingesetzt. Die Sterblichkeit in den Lagern blieb aber weiter sehr hoch, bis 1945 kam eine weitere Million sowjetischer Kriegsgefangener um.
Insgesamt kehrten fast 60 Prozent aller sowjetischen Kriegsgefangener nicht aus den deutschen Lagern zurück. Im Vergleich dazu starben 3,5 Prozent der westalliierten Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam.

Die Bevölkerung Leningrads
Im September 1941 fällte die Wehrmacht vor Leningrad nach verschiedenen Überlegungen den Beschluss, die Stadt nicht einzunehmen. Stattdessen sollte Leningrad abgeriegelt und die drei Millionen Einwohner bewusst dem Verhungern preisgegeben werden. Die Blockade war nicht lückenlos, aufgrund unzureichender Versorgung starben jedoch in zweieinhalb Jahren der Belagerung 800 000 bis eine Million Bewohner der Stadt, vor allem Frauen und Kinder.
Opfer flächendeckender Hungerpolitik gegen sowjetische Städte und Regionen
Die deutsche Politik zielte darauf, zumindest einen Teil der einheimischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion durch Aushungerung zu vernichten. Die Dimensionen dieser Hungerpolitik vor allem gegen die Stadtbevölkerung sind bisher nur vage einzuschätzen. Allein in Charkow im Osten der Ukraine verhungerten im Laufe des Jahres 1942 12 000 Menschen.
Auch die ländliche Bevölkerung wurde in vielen Regionen ausgeraubt („Kahlfraßzonen“) und damit dem Hungertod preisgegeben. Schätzungen all dieser Opfer belaufen sich auf eine mindestens hohe sechsstellige Zahl.
Die ländliche Zivilbevölkerung der Sowjetunion und Polens im Partisanenkampf
Bei der brutalen Bekämpfung jeglichen Widerstands in den besetzten Gebieten erlitt die Zivilbevölkerung weit höhere Verluste als die Partisanen oder die Besatzungstruppen. Der Partisanenwiderstand diente als Vorwand für flächendeckende deutsche Mordaktionen gegenüber Zivilisten. Hunderte Dörfer wurden zerstört, ihre Einwohner ermordet. Allein für Polen werden 20 000 zivile Opfer angenommen. In Weißrussland, dem Zentrum des Partisanenkrieges, starben bei Anti-Partisanen-Unternehmen von Wehrmacht, SS und Polizei mindestens 300 000 Menschen.
Die Opfer von Zwangsdeportation und „verbrannter Erde“
Bei dem ab 1943 fortschreitenden Rückzug der Wehrmacht sollte die gesamte Bevölkerung der Rückzugsgebiete, etwa 3,5 Millionen, unter katastrophalen Bedingungen zwangsumgesiedelt werden. Arbeitsfähige wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, andere Menschen als „unnütze Esser“ in Lager getrieben und dort unversorgt eingeschlossen. Allein im Lager Osaritschi kamen innerhalb einer Woche im März 1944 mindestens 9000 Menschen ums Leben.
Die Bevölkerung von Warschau
In den ersten Tagen des Warschauer Aufstands im August 1944 richteten SS- und Polizeitruppen Massaker an der unbewaffneten Zivilbevölkerung an und ermordeten dabei mindestens 63 000 Menschen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes ließ die NS-Führung 350 000 bis 550 000 Überlebende in Konzentrationslager oder zur Zwangsarbeit deportieren.