Der Aufruf

Aufruf für einen Ort der Erinnerung an die
Opfer der NS-Lebensraumpolitik in Osteuropa

Seit zwanzig Jahren wird für eine immer breitere Öffentlichkeit in der Bundesrepublik deutlich, dass außer den Millionen jüdischer Opfer, die im Zentrum der nationalsozialistischen Mordpolitik standen, weitere Millionen Menschen in Osteuropa Opfer der NS-Vernichtungspolitik wurden. Diese Einwohner Polens und der Sowjetunion wurden entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie als „rassisch minderwertige“ Slawen zu einer rechtlosen Masse erklärt, die millionenfach getötet oder nach Osten vertrieben werden sollte. Rassismus und Lebensraumideologie bestimmten Kriegführung und Besatzungsherrschaft.

Schon 1939 wurden Angehörige der polnischen Bildungsschicht in Konzentrationslager verbracht oder erschossen. Die Kriegsplanung sah 1941 für die Sowjetunion ausdrücklich vor, dass „mehrere zehn Millionen“ verhungern sollten. Zuerst realisiert wurde diese Planung an den sowjetischen Kriegsgefangenen – im ersten Kriegsjahr starben zwei von drei Millionen Gefangenen. Zehntausende von ihnen wurden ausgesondert und nach den Richtlinien des „Kommissarbefehls“ direkt hinter der Front erschossen oder in den Konzentrationslagern ermordet. Mehr als drei Millionen Gefangene überlebten nicht den Krieg.

800 000 Leningrader verhungerten durch die deutsche Blockade, die Planung hatte den Tod aller drei Millionen Einwohner der Stadt vorgesehen. In Polen und der Sowjetunion wurden hunderte Dörfer samt ihren Einwohnern bei Anzeichen auch nur geringen Widerstandes vernichtet. In systematisch leergeraubten „Kahlfraßzonen“ wurden in der Sowjetunion Hunderttausende dem Hungertod überantwortet. Beim Warschauer Aufstand 1944 wurden wahllos mehr als hunderttausend unbewaffnete Einwohner erschossen, 600 000 Menschen wurden deportiert.

All dies wurde in der Konfrontation des Kalten Krieges verschwiegen oder als Nebenwirkungen eines harten und grausamen Krieges relativiert. Unterdrückt blieb das Wissen, dass ein Massenmord an Millionen Menschen mit Vorbedacht geplant und ausgeführt wurde. Diese Opfer wurden in der Bundesrepublik Deutschland aus dem Gedächtnis an die Verbrechen des Nationalsozialismus weitgehend ausgeschlossen.

Erinnern wir an sie! Schaffen wir dort, wo Denkmäler an andere Opfer des Nationalsozialismus erinnern, im Berliner Tiergarten, einen Erinnerungsort für diese Millionen. Das uns bis heute fremd gebliebene Denkmal für die im Kampf gegen die NS-Herrschaft gefallenen Rotarmisten aus dem Jahre 1945 soll sinnvoll ergänzt werden. Errichten wir gegenüber, auf der anderen Seite der Straße des 17. Juni, einen Ort zur Erinnerung und zum Gedenken an diese vielen Millionen Opfer des Nationalsozialismus.

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Verweisen wir die politischen Instanzen auf ihre historische Verantwortung.

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Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V., Berlin

Egon Bahr, Berlin

Dr. Klaus Bednarz,TV-Journalist und Autor, 1977-82 Moskaukorrespondent der ARD, Berlin

Prof. Dr. Lothar Bisky, MdE, Potsdam

Prof. Dr. Peter Brandt, Historiker, Hagen-Berlin

Volker Braun, Schriftsteller, Berlin

Dr. André Brie, MdL. Mecklenburg-Vorpommern

Prof. Dr. Michael Brie, MdE, Potsdam

Prof. Dr. Stefanie Endlich, Kunstpublizistin-Ausstellungsmacherin, Berlin

Dr. Gernot Erler, MdB-Freiburg-Berlin

Prof. Dr. Hajo Funke, Politikwissenschaftler, Berlin

Dr. Gregor Gysi, MdB, Berlin

PD Dr. Siegfried Heimann, Historiker-Politikwissenschaftler, Berlin

Dr. Peter Jahn, 1995-2006 Leiter des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Berlin

Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz, TV-Journalistin und Autorin, 1987-91 Moskaukorrespondentin der ARD

Walter Momper, 1989-1991 Regierender Bürgermeister und 2001-2011 Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin

Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Oranienburg

Jens Nagel, Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain-Zeithain

Prof. Dr. Hans Ottomeyer, 2000-2011 Generaldirektor/Präsident des Deutschen Historischen Museums, Berlin

Eberhard Radczuweit, Vorstand des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., Berlin

Prof. Lea Rosh, Berlin

Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung, Berlin

Dirk Sager, Journalist, 1990-2004 Leiter ZDF-Studio Moskau, Potsdam

Dr. Hilde Schramm, Berlin

Prof. Dr. Peter Steinbach, Historiker, Mannheim / Berlin

Lala Süßkind, 2008-2012 Vors. der jüdischen Gemeinde zu Berlin

Rosemarie Tietze, Literaturübersetzerin, München

Prof. Dr. Johannes Tuchel, Direktor der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

Prof. Dr. Wolf Wagner, Politikwissenschaftler, Berlin

Prof. Dr. Wolfram Wette, Historiker, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Prof. Dr. Michael Wildt, Historiker, Humboldt-Universität Berlin

März 2013